"Wieder hier"
In dem Lied "Wieder hier" von Marius Müller-Westerhagen geht es darum, dass er wieder in seine Heimatstadt Düsseldorf zurückkehrt.
Es beginnt mit zwei Strophen, in denen er jemanden oder etwas anspricht und sagt, dass er sie/ihn/es liebt. Allerdings ist er sich dessen nicht ganz sicher, was man aus den Zeilen 1 und 2 erlesen kann: "Ich hab dich wirklich lieb, wenn es so etwas gibt." Er glaubt also nicht fest an die Liebe. Der Nachsatz "in meinen Träumen", der auch in der zweiten und dritten Stophe vorkommt wirft allerdings viele Fragen auf: Geschieht alles nur in seinen Träumen? Liebt er nur in seinen Träumen? Vergeht alles nur in seinen Träumen? Hat er nur in seinen Träumen verleumdet? Oder sind die Träume letzlich nur ein Stilmittel?
Angenommen seine Träume stellen sein Unterbewusstsein dar, würde dies heißen, dass er sie/ihn/es schon die ganze Zeit in seinen Träumen im Unterbewusstsein geliebt hat, es jedoch nun auch richtig wahrnimmt, in dem er es ausspricht. Zur Frage, ob es nun ein Mensch oder eine Sache ist, die er liebt, müsste man die Biographie von Westernhagen kennen, die darüber vielleicht Aufschluss geben könnte. Zunächst deutet vieles auf eine Frau hin, er spricht sie an, sagt, dass er sie wunderschön findet und bittet sie um einen Tanz. Bei näherer Betrachtung könnte aber ebenso gut die Stadt gemeint sein, in die er wieder zurückgekehrt ist, denn auch Städte kann man lieben und sie wunderschön finden. Außerdem ist im Refrain, der wichtigsten Passage des Liedes, die auch häufig wiederholt wird, immer nur von der Stadt die Rede, eine Frau wird nicht erwähnt. Ab Mitte des Liedes redet er keine Person mehr an, sondern spricht nur von sich und dass er froh ist, wieder zu Hause zu sein. Dieses Lied ist also meiner Meinung nach kein Liebeslied sondern eher die Geschichte einer Heimkehr.
Eine andere Möglichkeit wäre, dass er nicht irgendeine Frau meint, in die er verliebt war oder ist, sondern, dass er mit diesem Musikstück seine Mutter anspricht. Dies würde sich aufgrund der Vergangenheit Marius Müller-Westernhagens andeuten. Sein Vater, der nach der Rückkehr aus dem Krieg tabletten- und alkoholabhängig wurde, starb früh. Die Mutter, die ihn immer verwöhnt hatte und alles für ihn tat, wurde allein gelassen, als Westernhagen 1972 seine Heimatstadt verließ um eine Musikkarriere zu starten. Vielleicht macht er sich nun Vorwürfe, dass er sie deshalb im Stich gelassen hat. Dies würde auch die Textpassagen "Wenn Du vergessen kannst, alles vergessen kannst, dann schenk mir diesen Tanz, ich will nichts versäumen" und "Ich hab Dich wirklich lieb, auch wenn ich Dir nie schrieb und Dich verleumdet hab�, in meinen Träumen" unterstreichen. Dass er sie verleumdet hat, könnte u.a. den Grund haben, dass ihn seine Mutter zur Unselbstständigkeit erzogen hat und ihn dazu gezwungen hat, die höhere Handelsschule zu besuchen, während ihm dies eigentlich nicht lag und seine Liebe und sein Interesse der Musik galten. Auch für die damaligen häuslichen Verhältnisse der Familie könnte er die Mutter mit verantwortlich gemacht haben.
In der zweiten Strophe heißt es "Ich find Dich wunderschön, zu schön um zu verstehn, dass alles mal vergeht". Dies bedeutet, dass sie/es immer noch so schön ist und sich kaum verändert hat. Äußerlich ist alles gleich oder ähnlich geblieben, innerlich haben die Menschen sich jedoch verändert und weiterentwickelt, was man aus "Dass alles mal vergeht" schließen kann. Vielleicht hatte er auch einmal einen Traum von einem glücklicheren Leben, fern seiner Heimat, hat aber nun erkannt, "dass alles mal vergeht", und dass die Karriere nicht alles ist.
Nach dieser Strophe folgt zum ersten Mal der Refrain, in dem die Textzeile "War nie wirklich weg, hab mich nur versteckt" vorkommt. Diese Passage zeigt, dass er auch in der Zeit, in der er nicht dort war, in seinem Herzen immer daran gedacht hat. Es kommt ja auch häufig vor, dass Menschen sich an einem Ort, zu dem sie nach langer Zeit zurückgekehrt sind, sofort wieder heimisch fühlen, als seien sie nie fort gewesen.
Der zweite Teil "Hab mich nur versteckt" belegt, dass er seine Herkunft in der Zeit, in der er weg war, nicht wahrhaben wollte, sie verdrängt und verleugnet hat. Dies könnte den Grund haben, dass diese Heimat nicht gerade eine reiche Gegend war, was man auch aus der nächsten Zeile "Ich rieche den Dreck" ersehen kann. Dieser "Dreck" weist wahrscheinlich nicht nur auf die Umweltverschmutzung im Ruhrgebiet hin, sondern auch auf den Ort, an dem er er aufgewachsen ist. Dort leben seine alten Freunde und Verwandte, die wahrscheinlich zu den finanziell und sozial schlechter gestellten Leuten zählen. Trotzdem gefällt es ihm dort und es gehört zu seiner Heimat, was auch durch folgendes Zitat belegt werden kann "Ich atme tief ein."
Die dritte Strophe unterstreicht die These, dass er sich für seine Heimat einmal geschämt hat. Er befindet sich in einem Zwiespalt. Einerseits liebt er seine Heimat und seine Freunde, andererseits hat er sie auch häufig nicht wahrhaben wollen, was durch folgende Textstelle klar wird: "Ich hab Dich wirklich lieb, auch wenn ich Dir nie schrieb, und Dich verleumdet hab." Auch hier gibt der Nachsatz "In meinen Träumen" wieder Rätsel auf. Hat er sie nur in seinen Gedanken verleumdet oder auch öffentlich? Hat er dies bewusst oder unbewusst getan?
Die nächste Strophe unterscheidet sich von den ersten dreien. Beispielsweise endet sie nicht mit "in meinen Träumen". Sie zeigt deutlich, dass zwischen ihm und derjenigen, die er anspricht, etwas vorgefallen sein muss, was sie entzweit hat: "Wenn du vergessen kannst." Dies könnte die Trennung von seiner Mutter sein, dass er sie einfach im Stich gelassen hat und sich nicht mehr um sie gekümmert hat, es kann aber auch noch etwas anderes passiert sein, über das zu reden reine Spekulaton wäre. Er bittet um Verzeihung "Dann schenk mir diesen Tanz". Auch der "Tanz" könnte wieder symbolisch gemeint sein, er könnte beispielsweise für das Vergessen und Verzeihen der Fehler aus der Vergangenheit stehen. "Ich will nichts versäumen", dieses Zitat zeigt deutlich, dass er nichts (mehr) verpassen will nach all der Zeit, in der das wirklich Wichtige und seine wahre Heimat an ihm vorübergeangen sind. Er hat begriffen, dass er sich von seinen Wurzeln entfernt hat. Nun an dem Ort, an den er gehört und an dem sich Menschen befinden, die er liebt und die ihn lieben, kann er seinen Seelenfreiden wieder finden.
In der letzten Stophe, die wie der Refrain aufgebaut ist, berichtet er nun erstmals vage von seinem Leben vor der Rückkehr. Er war und ist ein Star, ein Held. Mit der Zeile "Für kein Geld der Welt" will er wahrscheinlich ausdrücken, dass er auch für allen Reichtum und Ruhm seine Heimat nicht mehr vergisst oder verlässt. Die Zeilen "War nie wirklich weg, hab mich nur versteckt" tauchen auch in dieser Strophe, wie auch im Refrain auf. Sie scheinen die Schlüsselsätze des Musikstücks zu sein.
Mir hat die Melodie dieses Liedes gut gefallen und auch der Text regt zum Nachdenken an. Jedoch ist die mögliche Bedeutung so breit gefächert, dass man sich nie sicher sein kann, was der Autor wirklich beabsichtigt hat. Außerdem weiß man auch nicht genau, was wirklich so gemeint ist, wie es im Text steht, was methaphorisch oder was einfach ein Stilmittel ist. Manches scheint aus dem Zusammenhang gerissen wie z.B. "Für kein Geld der Welt" und man kann nur raten, ob dies nun Absicht ist oder nicht. Dieses Musikstück läst also einen sehr weiten Spielraum für Spekulationen und ich denke nicht, dass der durchschnittliche Zuhörer sich intensiv Gedanken über einen Text macht, der keine konkreten Aussagen hat.